Dienstag, 4. Juni 2013

Teil II Als der Tod näher rückte - Im Schatten der Zeit


Ich hatte sie lieb gewonnen. Das alte Weiblein, das in dem verwunschenem Haus lebte.
Ich hatte das warme Lächeln ihres Gesicht lieb gewonnen, welches jedes Mal wuchs, wenn ich durch den Hauseingang gehuscht kam. Ihre tiefen Augen, die mir so viel erzählen konnten, ohne, dass ich nachfragte. Ihre rauen Hände, die meine hielten, wenn sie mir eine Geschichte aus ihrem Leben vorlas. Ja, ich hatte ihr Dasein zu schätzen gewusst.
Die Sonne strich zu schnell über den Horizont. Die Minuten und Sekunden vergingen wie im Zug. Die Stunden, die ich bei ihr verbrachte, waren so kurz, wie eine Minute.
>> Mädchen… ach Mädchen ja. <<
Ich schreckte aus der Traumreise in die vergangene Zeit auf. Bilder in meinem Kopf von Schmieden und Mägden vermischten sich wirr zusammen und verschwanden potz plötzlich. Dieses „Mädchen…ach Mädchen ja“ war kein gutes Zeichen, wenn Aurelia sprach. Tränen sammelten sich in meinen Augen, sowohl auch in Aurelia ihren.
>> Wenn du angefangen hast, jemanden zu lieben, dann musst du auch anfangen, ihn gehen zu lassen. << Sie las aus meinen Augen, in denen sich jeden Tag die Angst vor dem Tod verbarg.
>> Ich bin alt, sehr alt. Irgendwann wirst du mich… <<
Ich schüttelte den Kopf. Dieses Thema mochte ich ganz und gar nicht.
>> Als ich so klein war wie du… in deinem Alter… << begann sie zu erzählen.
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 Schweißperlen liefen von der Stirn entlang der Wange hinunter und bildeten einen rießen nassen Fleck auf dem weißen Kopfkissen. Der zwickende Geruch nach Verwesung beschlagnahmte das kleine Zimmerchen meines Bruders schon seit ein paar Tagen. Ich saß am Kopfende und hielt seine schlaffe und heiße Hand. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Seine Lider waren halb geschlossen und seine rehbraunen Augen sahen mich schwach an. Auf seinem Nachtkästchen dampfte eine Fleischsuppe vor sich hin.
>> Eule… << flüsterte er.
So nannte er mich immer. Das war mein Spitzname. So flüsterte er meinen Namen in der Schule, wenn er eine Lösung nicht wusste und sich dann trotzdem in die Ecke stellen musste.
So rief er mich, wenn wir im Dorfsee plantschten und uns mit dem kühlen Nass gegenseitig bespritzten.
Sein liebherziges Lachen hallte in meinem Kopf. Das Lachen, das einen glücklich machte.
>> Eule… <<
Tränen bahnten sich einen Weg über meine Wangen.
Ich wusste, dass er jeden Moment sterben würde. Ich wusste, dass ich jeden Moment ein Einzelkind werden würde. Ich wusste… aber ich wollte es nicht.
>> Vergiss mich nicht… aber lebe ohne mich weiter. <<
Ich nickte leicht.
>> Ich will nicht… dass du nach meinem Tod traurig bist. Ich will, dass du glücklich bist. <<
Sein Händedruck wurde stärker. >> Du musst anfangen, mich gehen zu lassen. Ich schaff das hier nicht mehr. Bitte quäle mich nicht noch weiter. <<
Ich sah ihn erstaunt an. Ich quälte ihn? Ich? Was hatte ich getan… Ich saß doch nur bei ihm. Ich begleitete ihn auf seinem Sterbebett. Ich wollte doch nicht, dass er alleine war.
>> Aber ich will nicht, dass du alleine stirbst. <<
>> Das ist lieb von dir. Aber du musst mich gehen lassen. Deine Seele muss mich gehen lassen. <<
Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und der Schlaf übermahnte mich und mit seinem letzten Herzschlag, schlief ich ein.
Ich sah meinen Bruder vor mir. In seinem weißen Nachthemd, was er zuvor noch trug. Er lachte und hielt meine Hände. Wir tanzten im Kreis und lachten miteinander. Ringsum uns herum blühten die Apfelbäume rosa und die Vögel zwitscherten. Mir kam es seltsam vor, denn vor einer Weile trugen die Bäume noch Schneelasten.  Frühling war die liebste Jahreszeit von meinem Bruder.
Wir durchstreiften die Wälder und sprangen in den See.
>> Danke meine allerliebste Schwester! << rief er mir kichernd zu. Er strahlte. Seine Krankheit war verschwunden. Seine Stimme war so hell wie vor ein paar Wochen.
Er hielt inne und sah mich an. >> Eule, ich werde auf dich warten. <<
Dann ließ er meine Hände los und verschwand im Nichts.
 Es hatte mich damals irritiert, dass ein Sterbender, mein Bruder so viel wahre Dinge erzählen konnte.
Ich hielt daran fest, was er mir aufgetragen hatte. Anfangs war ich natürlich traurig. Aber ich gewöhnte mich schneller an seine Abwesenheit, als meine Eltern. Ich wartete seit seinem Todestag darauf, ihn wieder zu sehen und lebte mein Leben ohne ihn weiter.
♦♦♦♦♦♦♦♦♦ 
>> Vermisst du ihn? << fragte ich Aurelia, die damals Eule genannt wurde.
Sie nickte. >> Natürlich vermisse ich ihn. Aber ich habe ihm das geschenkt, was er wollte. Und das machte mich all die Jahre über glücklich. <<
>> Aber jetzt sind doch so viele Jahre über vergangen… Er ist noch ein Kind, wenn er dich abholt. <<
Aurelia lachte. >> Im Tod, meine Liebe, ist alles so, wie du dir immer gewünscht hast. Da spielt es keine Rolle, ob man alt oder jung ist. Mein Bruder wird mich so vorfinden, wie er mich immer gekannt hatte. <<
>> Woher weißt du das so genau? << fragte ich erstaunt.
>> Mit der Zeit…Mein Mädchen... Im Schatten der Zeit, weiß man das. <<
Sie blickte nach draußen in die Ferne. >> Ich glaube, deine Eltern machen sich schon Sorgen. <<
Ich nickte bestätigend, verabschiedete mich mit tränennassen Augen und trat den Heimweg an.

Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben. Hut ab :D
    Sehr emotional. Klasse. Warte auf mehr :) <3
    JC

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    1. Dankefein :-) abwarten und Tee trinken, wie die Pippi zu sagen pflegt! Kommt bald Nachschub;-)

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  2. Wusste ich doch, dass da mehr hinter Aurelia steckt!
    Gefällt mir sehr gut, auch wenn (oder gerade weil) es von Traurigkeit durchwoben ist.
    Liebe Grüße vom Mann mit den Adleraugen

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  3. Vielen Dank :) Freut mich sehr, dass es dem Mann mit den Adleraugen gefällt ;)

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